Jesus und der Sabbat – „Höchststrafe“ für die Pharisäer

Predigt über Markus 2, 23-28 von Pfarrer Klaus Vogel am 25. Oktober 2020, 20. Sonntag nach Trinitatis, gehalten in der Evangelischen Mauritiuskirche zu Kraichtal-Oberöwisheim“

„Was tun am Sonntag???“

Liebe Gemeinde,

drei Männer – ein Franzose, ein Amerikaner und ein Deutscher – sterben zur selben Zeit und kommen in den Himmel. Als sie vor die Himmelspforte treten, kommt ihnen Petrus entgegen und sagt: „Ich weiß nicht, ob ihr es verdient (habt), in den Himmel zu kommen. Erzählt mir, wie ihr gestorben seid, und ich entscheide, ob ich euch durchlasse.“

Er wendet sich dem Franzosen zu und fragt: „Wie bist du gestorben?“ Der Franzose sagt: „Also, ich habe im Wald Pilze für mein Abendessen gesammelt. Da muss wohl ein giftiger dabei gewesen sein, denn nach dem Essen wurde mir schlecht und ich bin umgekippt.“ Petrus nickt und da es ein Unfall war, lässt er den Mann eintreten.

„Und wie bist du gestorben?“, fragt Petrus den Amerikaner. „Das war so, Petrus: Ich habe große Angst vor dem Corona Virus. Da sehe und höre ich im Fernsehen, dass Donald Trump vorschlägt, dass man sich zum Schutz davor Desinfektionsmittel spritzen kann. Das habe ich sofort mit der größten Spritze, die ich auftreiben konnte, gemacht. Danach weiß ich nichts mehr und nun bin ich hier.“ Petrus nickt besonders mitleidsvoll und da es sich auch hierbei um ein unverschuldetes Unglück handelt, darf auch der Amerikaner in den Himmel.

„Wie bist du gestorben?“, fragt Petrus schließlich den Deutschen. Der Mann verschränkt die Arme vor der Brust und sagt: „Ich hatte Vorfahrt.“

Die Reaktion des Petrus ist leider nicht überliefert. Was hätten Sie, was hättet Ihr mit diesem nicht ganz untypischen Deutschen gemacht? Durchgewunken in den Himmel oder in die entgegengesetzte Richtung geschickt? Der Deutsche hat sich an eine gültige Regel gehalten und beruft sich – ja insistiert darauf.

Gesetze und Regeln, Bestimmungen und Verfügungen, Verordnungen und Anordnungen, Gebote und Verbote – sie bestimmen jeden Tag unseres Daseins und in Corona Zeiten noch ein ganzes Stück mehr als sonst. Sie sind Dauerthema unseres Lebens.

Ein prominenter biblischer Text, in dem es um (religiöse) Gesetze, ihre Einhaltung ihre Interpretation und ihre Gewichtung geht, ist uns heute, an diesem Sonntag, vorgegeben. Mk 2, 23-26:

Der Ruhetag ist für den Menschen da…

23 An einem Sabbat ging Jesus mit seinen Jüngern durch die Getreidefelder. Unterwegs fingen die Jünger an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen.

24 Da beschwerten sich die Pharisäer bei Jesus: »Sieh dir das an! Was sie tun, ist am Sabbat doch gar nicht erlaubt!«

25 Aber Jesus antwortete ihnen: »Habt ihr denn nie gelesen, was König David tat, als er und seine Männer in Not geraten waren und Hunger hatten?

26 Damals – zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar – ging er in das Haus Gottes. Er aß mit seinen Männern von dem Brot, das Gott geweiht war und das nur die Priester essen durften.«

27 Und Jesus fügte hinzu: »Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.

28 Deshalb ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat und kann somit entscheiden, was am Sabbat erlaubt ist.«

Kanzelgebet

Geschildert wird uns hier eine scheinbare Sabbat-/Sonntagssommeridylle. Jesus geht mit seinen Jüngern über Land, an reifen Getreidefeldern vorbei. Wir würden heute vielleicht die Natur bestaunen, das Handy zücken und ein Foto für Instagram schießen. Doch Jesus und seine Jünger waren mit allen anderen noch 2000 Jahre entfernt von der westeuropäischen Wohlstandsgesellschaft, in der wir heute leben. Sie hatten Hunger und so rissen sie Ähren ab, um sie zu kauen und zu essen. Grundsätzlich war das nach damaligem jüdischem Usus nicht verboten – auch am Sabbat nicht. Strittig wird es, wenn man die Aktion der Jünger als „ernten“ definiert. Vielleicht legte das der Augenschein auch nahe. Der Text spricht von „den Jüngern“. Wer die Szenerie damals beobachtete, sah also, wie 12 Mann gleichzeitig mit den Händen Ähren abrissen – und das ließ sich durchaus als „ernten“ ansehen. Und eine Gruppe Pharisäer war unter den Beobachtenden der Begebenheit. Ein Geschenk des Himmels glaubten sie. Argumentative Schützenhilfe um den religiösen Unruhestifter samt seiner Gang klein zu kriegen. Doch dabei haben sie sich elend verkalkuliert und blamiert, krass übernommen und selbst bloßgestellt. Sie haben eine Lawine losgetreten, die sie selbst überrollt hat. Sie sagen praktisch ein Sätzchen und anschließend redet den ganzen Text bis zum Ende 4 Verse lang nur noch Jesus und macht sie platt, macht sie nass und jedenfalls sprachlos, denn hören tut man von ihnen im weiteren Verlauf nichts mehr. Sie bekommen von Jesus die Höchststrafe: „Habt ihr denn nie gelesen, was König David tat…?“ – Mit anderen Worten: „Kennt ihr eure Bibel nicht? Kennt ihr nicht jedes klitzekleine Detail aus dem Leben Davids, des Überkönigs und Ober-VIPs der jüdischen Geschichte? Muss ich, der Laie und Quereinsteiger, euch, den Profis, sagen, was in der Bibel steht?“ Das darf ja wohl nicht wahr sein. Das ist, wie gesagt, die Höchststrafe.

Hier möchte ich eine kleine Fußnote machen: Diese Stelle zeigt uns, wie elementar wichtig es ist, dass wir uns, sofern wir uns Christen nennen, in der Bibel auskennen, dass uns Gottes Wort vertraut, geläufig, bekannt und wertvoll ist. Das lässt sich in seiner Bedeutung und Wichtigkeit gar nicht überschätzen! Bildung und Wissenskompetenz waren übrigens auch die wichtigsten Ziele im Lebenswerk von Philipp Melanchthon, dem in Bretten, in unserem Kirchenbezirk geborenen Reformator. [Fußnote Ende]

Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat. – das ist die Spitzenaussage in diesem Text. Im damaligen Zusammenhang bedeutet das, dass Verhaltensmaßregeln bezogen auf den Sabbat die Menschen nicht versklaven, nicht zu Marionetten machen und nicht lebensfeindlich sein dürfen. Uns fragt der Text zunächst, wie wir es mit dem Sonntag halten. Als Pfarrer hätte man es natürlich sehr gerne, wenn alle immer in die Kirche kämen. Aber wenn stets über 900 kommen wollten, dann müssten in normalen Zeiten 3 Gottesdienste am Sa/So sein und in Corona Zeiten 18. Das ginge nicht. Es muss und es kann nicht jede und jeder jeden Sonntag in seiner/ihrer Wohngemeinde in den Gottesdienst. Ein anderer Ansatz ist, beim Thema Sonntag nicht pfarrerlike sofort auf den Gottesdienst zu kommen, sondern einfach von der Qualität und dem Wesen des Sonntags auszugehen. Dazu habe ich einen wunderbaren kostbaren Gedanken gefunden, der von einem schon lange verstorbenen jüdischen Rabbi mit Namen Abraham Joshua Heschel zurückgeht. Er hat formuliert: Der Sabbat sei ein „Heiligtum an Zeit“. Das möchte ich gerne – und es scheint mir völlig problemlos zu sein – das möchte ich gerne auf unseren Sonntag übertragen: Der Sonntag als ein Heiligtum an Zeit. Von Gott gegebenes und gestiftetes heiliges Zeitkontingent, alle sieben Tage. Heilige Zeit, geschenkte Zeit, kostbare Zeit, Gottes Zeit. Amen.

 

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: